Ratgeber

KI-Governance: Warum 98 Prozent eine Strategie haben und nur 39 Prozent auch Regeln

98 Prozent der Unternehmen haben eine KI-Strategie, nur 39 Prozent steuern KI im Top-Management. Warum Governance mit menschlicher Letztverantwortung die eigentliche Lücke ist.

Christian Gasche Aktualisiert: 02.07.2026
Zusammenfassung: Laut KPMG-Studie 2026 haben 98 Prozent der deutschen Unternehmen eine KI-Strategie, aber nur 39 Prozent steuern KI aktiv im Top-Management. Christian Gasche, SIGMA Communication, beschreibt das fehlende dritte Glied im KI-Prozess: die redaktionelle Korrektur gegen einen definierten Maßstab mit menschlicher Letztverantwortung.

480 Entscheider, befragt im März 2026. Fast alle sagen: KI ist relevant für unser Geschäft. 97 Prozent, um genau zu sein. 98 Prozent haben eine Strategie dafür. Und dann kommt die Zahl, die das ganze Bild verschiebt: Nur 39 Prozent steuern KI aktiv im Top-Management. Das steht in der KPMG-Studie 'Generative KI in der deutschen Wirtschaft 2026'. Zwischen dem Beschluss, KI zu nutzen, und der Fähigkeit, sie zu führen, klafft ein Loch. In dieses Loch fällt die KI-Governance.

Ich lese solche Studien mit einer gewissen Berufsskepsis. Zu oft misst eine schöne Prozentzahl nur, ob jemand in einer Umfrage das erwartete Kreuz gesetzt hat. Aber diese Lücke ist zu groß, um Messrauschen zu sein. Fast jedes Unternehmen hat eine Absichtserklärung. Kaum eines hat eine belastbare Steuerung mit menschlicher Letztverantwortung.

Strategie ist ein Beschluss, Governance ist eine Praxis

Eine KI-Strategie schreibt sich an einem Nachmittag. Man formuliert ein Ziel, benennt drei Anwendungsfälle, verspricht dem Aufsichtsrat einen Effizienzgewinn und legt das Papier ab. Fertig ist die 98-Prozent-Zahl.

Governance ist etwas anderes. Governance ist die Antwort auf die Frage, was passiert, wenn ein KI-System einen fehlerhaften Text ausspielt, eine falsche Zahl behauptet, einen Kunden falsch anschreibt. Wer merkt es? Wer darf stoppen? Gegen welchen Maßstab wird geprüft, bevor der Text nach draußen geht?

Diese Fragen beantwortet keine Strategie-Folie. Sie beantwortet ein KI-Operating-Model, in dem Rollen, Prüfschritte und Verantwortlichkeiten festgelegt sind. Und genau hier hören die meisten Unternehmen auf. Sie haben das Ziel. Ihnen fehlt die Praxis dazwischen.

Es scheitert die Korrektur, nicht die Datenreife. 98 Prozent der Unternehmen haben eine KI-Strategie, aber nur 39 Prozent steuern KI aktiv im Top-Management und nur 0,6 Prozent haben KI durchgängig integriert. KI-Strategie ohne Governance mit menschlicher Letztverantwortung bleibt eine PowerPoint-Übung.

Das übersprungene dritte Glied

Man kann sich einen KI-Textprozess in drei Gliedern denken. Erstens der Input: Prompt, Kontext, Daten. Zweitens die Produktion: das Modell schreibt. Und drittens die Korrektur: ein Mensch prüft gegen einen Maßstab und entscheidet, ob der Text gut genug ist oder gestoppt wird.

Die meisten Organisationen haben in Glied eins und zwei investiert. Bessere Prompts, größere Kontextfenster, feiner abgestimmte Modelle. Das dritte Glied überspringen sie. Nicht aus Böswilligkeit, sondern weil niemand definiert hat, wann ein KI-Text gut genug ist und wer das beurteilen darf.

Die KPMG-Zahlen bestätigen das indirekt. Nur 33 Prozent der Unternehmen verankern Trusted AI mit klaren Prinzipien und Kontrollen. Zwei von drei arbeiten also mit KI, ohne einen belastbaren Rahmen für Vertrauenswürdigkeit. Und 82 Prozent geben an, dass die Regulatorik ihr Vorgehen beeinflusst, was die Sache nicht einfacher macht.

Governance ist nicht das dritte Glied selbst. Governance ist die Regel, die dafür sorgt, dass das dritte Glied überhaupt stattfindet und nicht im Termindruck wegfällt. Wie das im redaktionellen Alltag aussieht, habe ich im KI-Redaktionssystem für Agenturen beschrieben.

Der EU AI Act zwingt zur Steuerung, aber liefert sie nicht

Seit August 2024 gilt der EU AI Act gestaffelt. Er verlangt für bestimmte KI-Systeme dokumentierte Risikoklassen, menschliche Aufsicht, Transparenzpflichten. Das erklärt die 82 Prozent aus der KPMG-Studie: Regulatorik ist zum Treiber geworden.

Nur: Der AI Act sagt, dass ein Mensch die Aufsicht führen muss. Er sagt nicht, wie diese Aufsicht in einer Pressestelle mit drei Redakteuren und einem Redaktionsschluss um 16 Uhr praktisch aussieht. Compliance-Rahmen definieren das Ob. Sie definieren nicht das Wie gut geführt.

Hier trennen sich zwei Welten. KI-Beratungen liefern Ihnen Datenreife-Checklisten und Compliance-Matrizen. Das ist nicht wertlos. Aber eine Checkliste erklärt nicht, warum ein KI-Text immer noch klingt wie ein KI-Text, und sie entscheidet nicht im Zweifelsfall, ob eine Formulierung raus darf. Das tut ein Mensch mit Urteil.

Das BSI hat für den Umgang mit generativen Modellen ähnliche Empfehlungen formuliert: Verantwortung bleibt beim Menschen, technische Absicherung ersetzt kein Urteil.

0,6 Prozent sind ehrlicher als 98 Prozent

Die interessanteste Zahl der KPMG-Studie ist die kleinste. 0,6 Prozent der Unternehmen haben KI durchgängig integriert. Nicht als Pilotprojekt, nicht als Insellösung, sondern als geführten Prozess von Input bis Freigabe.

Diese Zahl ist ehrlicher als die 98 Prozent. Sie zeigt, wie weit der Weg von der Absicht zur Praxis wirklich ist. Und sie deckt sich mit dem, was ich in Gesprächen mit Kommunikationsabteilungen höre: Man nutzt KI längst, aber es ist ein Nebeneinander von Einzelaktionen, kein gesteuerter Ablauf.

Ich will hier ehrlich sein über eine eigene Grenze. Als ich anfing, redaktionelle Prozesse für KI-Texte aufzubauen, habe ich den Maßstab unterschätzt. Ich dachte, gute Redakteure erkennen einen schlechten Text schon. Stimmt auch. Aber ohne einen ausformulierten, geteilten Maßstab urteilt jeder anders, und im Zweifel gewinnt der, der es eiliger hat. Der Maßstab muss aufgeschrieben sein, sonst ist er nur Bauchgefühl mit Deadline.

Governance ohne definierten Maßstab ist ein Organigramm, das niemanden bindet. Erst wenn festgelegt ist, wogegen geprüft wird und wer im Zweifel stoppt, wird aus einer Rolle eine Verantwortung.

Prozesse und Menschen sind zwei getrennte Achsen

Ein verbreiteter Denkfehler: Man misst den KI-Reifegrad an der Technik. Welche Modelle, welche Schnittstellen, wie viele Automatisierungen. Das ergibt einen schönen Score zwischen 0 und 100 und sagt fast nichts.

Prozesse und Menschen sind eigene Achsen. Ein Unternehmen kann technisch weit sein und trotzdem keinen Menschen haben, der befugt ist, einen KI-Text zu stoppen. Dann ist die schwächste Achse die Wahrheit über die Gesamtstufe, nicht die stärkste. Diese Trennung habe ich im Detail in KI-Governance fehlt: Warum 74 Prozent keine Kontrolle haben ausgeführt.

Die 39 Prozent Top-Management-Steuerung aus der KPMG-Studie sind ein Signal auf der Menschen-Achse. Wo der Vorstand KI nicht aktiv führt, entscheidet sie sich selbst, was schneller geht als was verantwortbar ist.

Vier Schritte von der Folie zur Führung

Governance lässt sich nicht kaufen, aber aufbauen. Vier Schritte, ohne Heilsversprechen.

Erstens: Maßstab schreiben. Legen Sie fest, wann ein KI-Text gut genug ist. Nicht abstrakt, sondern an konkreten Kriterien: fachliche Richtigkeit, Belegbarkeit, Tonalität, rechtliche Freigabe. Dieser Maßstab ist das Fundament, alles andere hängt daran.

Zweitens: Rollen benennen. Wer produziert, wer redigiert, wer gibt frei. Diese drei dürfen nicht dieselbe Person sein, sonst prüft jemand sich selbst. Die Freigabe braucht einen Namen, keine Abteilung.

Drittens: Stoppregel festlegen. Wer darf einen KI-Text aus dem Prozess nehmen, und ab welchem Zweifel? Ohne Stoppregel läuft im Termindruck alles durch. Die Regel muss den Stopp erlauben, ohne dass der Prüfer sich rechtfertigen muss.

Viertens: Dokumentieren. Nicht für die Schublade, sondern damit der EU AI Act erfüllt ist und im Ernstfall nachvollziehbar bleibt, wer was auf welcher Grundlage entschieden hat.

Das klingt nach Bürokratie. Ein wenig ist es das auch. Aber es ist der Unterschied zwischen einer Kommunikationsabteilung, die KI führt, und einer, die von ihr getrieben wird. Wer die Menschen im Haus für diese Prozesse gewinnen will, findet in Digitalisierung erklären den kommunikativen Teil dazu.

Warum die Reihenfolge zählt

Viele fangen mit dem Tool an und suchen danach die Governance. Das ist rückwärts. Der Maßstab kommt zuerst, das Werkzeug danach. Sonst passt man die Qualität an das an, was die Maschine liefert, statt umgekehrt.

Viele Studien zeigen seit etwa zwei Jahren dasselbe Muster: hohe Nutzungsbereitschaft, niedrige Verankerung im Prozess. Zwischen Ausprobieren und Führen liegt der ganze Weg, den die 0,6 Prozent gegangen sind.

Governance ist kein Kontrollinstrument gegen die eigenen Leute. Sie ist die Zusage, dass am Ende ein Mensch verantwortet, was das Unternehmen nach außen sagt. Die Maschine produziert. Der Mensch redigiert gegen einen Maßstab. Und im Zweifel stoppt er.

Wann haben Sie in Ihrer Abteilung zuletzt definiert, wer einen KI-Text stoppen darf, ohne sich dafür zu rechtfertigen?

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen einer KI-Strategie und KI-Governance?

Eine KI-Strategie formuliert Ziele und benennt Anwendungsfälle. KI-Governance beantwortet, was passiert, wenn ein KI-System einen fehlerhaften Text ausspielt: Wer merkt es, wer darf stoppen, gegen welchen Maßstab wird geprüft? Ohne diese Praxis bleibt eine Strategie eine Absichtserklärung ohne Steuerungswirkung.

Warum scheitern KI-Textprozesse trotz guter Prompts und leistungsfähiger Modelle?

Weil das dritte Glied im Prozess fehlt: die Korrektur durch einen Menschen gegen einen definierten Maßstab. Organisationen investieren in Input und Produktion, aber niemand legt fest, wann ein KI-Text gut genug ist und wer das beurteilen darf. Es scheitert die Korrektur, nicht die Datenreife.

Was bedeutet menschliche Letztverantwortung im KI-Textprozess?

Menschliche Letztverantwortung bedeutet, dass eine definierte Person oder Rolle den KI-Text vor der Veröffentlichung gegen einen Maßstab prüft und die Entscheidung trifft, ob der Text freigegeben oder gestoppt wird. Diese Rolle muss im KI-Operating-Model verankert sein, nicht nur in einer Strategie-Folie.

Was zeigt die KPMG-Studie 'Generative KI in der deutschen Wirtschaft 2026' zur KI-Steuerung?

Von 480 befragten Entscheidern geben 98 Prozent an, eine KI-Strategie zu haben. Doch nur 39 Prozent steuern KI aktiv im Top-Management, nur 33 Prozent verankern Trusted AI mit klaren Kontrollen, und nur 0,6 Prozent haben KI durchgängig integriert. Die Lücke zwischen Beschluss und belastbarer Steuerung ist das zentrale Ergebnis.